Dachziegel - Farbgestaltung


Einleitung


Über Farbe zu sprechen fällt schon deshalb schwer, weil jeder Mensch über eine individuelle Farbwahrnehmung verfügt. Ein Farbgedächtnis, das bis in die Nuancen hinein eine Reproduktion des Erinnerten erlaubt, ist nicht denkbar. Das Beispiel der spontanen Absicht, zu einem sich zu Hause befindlichen grünen Pullover die passende Hose kaufen zu wollen, erhellt dieses Problem. Darüber hinaus sind sogenannte Farbwahrnehmungsstörungen relativ weit verbreitet. Normalsichtige erkennen auf dem folgenden Bild in erster Linie die Farbunterschiede und lesen CH, Farbuntüchtige lesen nach den Helligkeitsunterschieden 31.
Die farbherstellende und auf Farbe angewiesene Industrie und die Anwender entsprechender Produkte behelfen sich mit Farbcodierungen. Farbtöne werden hierbei mit Nummern oder Chiffren belegt. Die RAL-Farbmusterkarte ist das wohl bekannteste Farbmustersystem in Deutschland.

In der Keramik und vor allem beim Dachziegel sind Farbkennungssysteme nur als Grundorientierung anwendbar. Dies unterscheidet den Dachziegel von Beton-, Blech- und Kunststoffpfannen, die mit monochromen Kunststoffüberzügen versehen werden.

Die Regeln für Dachdeckungen mit Dachziegeln/Dachsteinen des Zentralverbandes des Deutschen Dachdeckerhandwerks führen unter 2.1.2 „Farbe und Oberfläche“ aus: „Eine gleichbleibende und gleichmäßige Farbgestaltung, z. B. analog zur RAL-Farbkarte, ist naturgemäß nicht möglich. Wird eine weitgehend gleichmäßige Farbgestaltung gewünscht, so kann dies durch besondere Maßnahmen, z. B. der Entnahme aus einer Charge oder die Mischung aus den Paletten einer Charge, erfolgen.“

 
 
Monochromie


Monochromie – Farbgleichheit – ist bei grobkeramischen Produkten, insbesondere bei Dachziegeln, ob naturrot, engobiert oder glasiert, z. Z. nicht produzierbar. Hier wird besonders deutlich, dass es sich um einen natürlichen Baustoff handelt - oder wie es ein Ziegler einmal ausdrückte: „Jeder Dachziegel ist ein Unikat!“ Im europäischen Raum ist dies eine selbstverständliche Erkenntnis - in Deutschland leider nicht!

Die öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen des deutschen Dachdeckerhandwerks haben im Oktober 1998 eine Resolution mit dem Thema „Farbmängel bei Dachziegeln“ verabschiedet. Dieser Vorgang ist ungewöhnlich, da dem Fachregelwerk des Deutschen Dachdeckerhandwerks, das unter Mitwirkung von Sachverständigen entwickelt wurde, eine Durchmischungsempfehlung zu entnehmen ist.

Durchmischung ist somit keine „durch die Dachziegelindustrie selbst verordnete Freizeichnung von Farbreklamationen“, wie es im Vorspann der Resolution heißt.


 
 
Die Farbgestaltungsmöglichkeiten für Dachziegel


In der Farbgestaltung werden fünf Grundarten unterschieden:
  • naturfarbene,
  • durchgehend gefärbte,
  • engobierte,
  • glasierte,
  • gedämpfte Dachziegel.

Nachstehend werden die verschiedenen Dachziegeloberflächen mit ihren möglichen Farbveränderungssymptomen dargestellt. Hierbei wird zwischen neuen und alten Dachziegeleindeckungen unterschieden, wobei die alten Dachziegeldeckungen mit mehr als 50 Jahren Nutzungsdauer angenommen werden.

 
 
Naturrot

Die Farbe „Naturrot“ verdankt der Ziegel seinen jeweiligen Metallanteilen:

  • Eisenhydroxide brennen zu kräftig rotem Eisenoxid,
  • ein hoher Mangananteil bewirkt eine dunkelbraune Färbung,
  • ein geringer Eisenanteil oder auch höhere Kalkanteile ergeben eine hellgelbe Ziegelfarbe.

Naturrote Ziegel

Farbskala von gelb/grau bis dunkelrot/braun
Zusätzliche Einflussfaktoren auf die jeweilige Farbwirkung:
Beim neuen Dachziegel:
  • Changierende Farben: keramisches Spezifikum.
  • Oberflächenstruktur von glatt bis rauh.
  • Kristallines Gefüge und Ausrichtung.
  • Licht/Schatten/Lichtbrechung.
  • Feuchte als Regen, Tau, Rauhreif.
  • Stäube oder z. B. auch Pollen im Frühjahr.

Beim alteingedeckten Dachziegel:

  • Patina aus Hausbrand und anderen Umwelteinflüssen herrührend.
  • Veralgung und andere Grünbildungen.
  • Partielle Aufhellungen und Fließspuren, verursacht durch Metalle auf dem Dach, z. B. Anker, Abdeckungen, An- und Abschlüsse, Antennen, aber auch durch Mörtel, Vogelkot etc.
 
 
Durchgefärbte Dachziegel


Durchgefärbte Dachziegel werden durch Beimischen von Metalloxiden oder Mineralen in die Ausgangsmassen hergestellt. Die Beigabe von Manganit erzeugt eine dunkelbraune, die von Magnesit eine hellrote Färbung. Für die durchgefärbten Dachziegel gelten die gleichen Aussagen im Hinblick auf die Faktoren, die zusätzlich auf die Farbwirkung Einfluss nehmen, wie bei „naturroten“ Dachziegeln.
 
 
Engobe

Unter Engobe versteht man einen matten, nicht glasurartigen Überzug, der vor dem Brennen durch Tauchen oder Spritzen aufgetragen wird. Er hat den Zweck, die Oberflächenfarbe des Ziegels zu verändern, um eine gleichfarbige Gesamtwirkung der Dachfläche zu erzielen. Die sonstigen Eigenschaften des Dachziegels werden weder verbessert noch verschlechtert. Die Engobe besteht aus einer Tonschlämme, der entsprechend der gewünschten Farbe Minerale oder Metalloxide beigemischt sind. Durch besondere Spritztechniken werden sogenannte „Fleckengoben“ aufgebracht, die dem Ziegel eine patinierte Wirkung verleihen. Man verspricht sich hierdurch eine bessere Integration von neuen Dacheindeckungen in den städtebaulichen Gesamtzusammenhang.
 
 
terra sigillata

Ebenfalls eine Engobe ist die terra sigillata, ein glänzender, fast glasurartiger Überzug aus leicht schmelzbarem Ton. Während des Brandes beginnt die Engobe zu sintern und verdichtet sich zu glasartigen Tropfen. Da sich keine abschließende Glasschicht bildet, wird diese Oberflächenschicht nicht zu den Glasuren gerechnet. Einige als „Glanzengoben“ bezeichnete Überzüge nähern sich an die Charakteristika der Oberflächenwirkung der terra sigillata an.

Engobierte Dachziegel

Breite Farbskala
Zusätzliche Einflussfaktoren auf die jeweilige Farbwirkung:
Beim neuen Dachziegel:
  • Changierende Farben: keramisches Spezifikum.
  • Oberflächenstruktur von glatt bis rauh.
  • Kristallines Gefüge und Ausrichtung der Kristalle.
  • Dicke der Engobenschicht: Scherben durchscheinend bis satt deckend.
  • Licht/Schatten/Lichtbrechung.
  • Feuchte als Regen, Tau, Rauhreif.
  • Stäube oder z. B. auch Pollen im Frühjahr.

Beim alteingedeckten Dachziegel:

  • Patina aus Hausbrand und anderen Umwelteinflüssen.
  • Veralgung und andere Grünbildungen.
  • Partielle Aufhellungen und Fließspuren durch Metalle auf dem Dach, z. B. Anker, Abdeckungen, An- und Abschlüsse, Antennen aber auch durch Mörtel und Vogelkot etc.
  • Über größere Zeiträume (50 Jahre und mehr) eintretende geringfügige Verstumpfung - Nachlassen der Glanz- und Schimmereffekte.
 
 
Glasuren

Glasuren sind harte, glasartige, eingefärbte Überzüge, die die Oberfläche des Ziegelscherbens abdichten. Mit ihnen läßt sich in besonderer Weise die Oberflächenfarbe des Dachziegels verändern. Im Gegensatz zu den anderen Gestaltungsmöglichkeiten spielt der Lichtreflex eine zusätzliche Rolle. Die Glasuren enthalten in der Grundmasse Quarz, Kalk, Dolomit, Soda, Pottasche, Feldspat und Borax. Tongebende Pigmente sind Oxide des Vanadiums, Chroms, Mangans, Eisens, Kobalts, Nickels und Kupfers. Die Glasurmasse wird bei Temperaturen bis etwa 1600° Celsius gebrannt und anschließend zu feinem Pulver zermahlen. Mit Wasser versetzt, entsteht ein Glasurschlicker, mit dem die Oberflächen der getrockneten Ziegelformlinge vor dem Brand besprüht werden. Die Glasur wird gleichzeitig mit dem Dachziegel gebrannt.

Glasierte Dachziegel

Breite Farbskala
Zusätzliche Einflussfaktoren auf die jeweilige Farbwirkung:
Bei neuen Dachziegeln:
  • Changierende Farben: keramisches Spezifikum.
  • Oberflächenstruktur glatt, spiegelnd bis matt.
  • Beeinflussung der Farbwirkung durch die Dicke der Glasurschicht bei Transparenz der Glasur. Mitwirkung der Grundfarbe des Scherbens, bei unterschiedlicher Auftragsstärke: Tropfenwirkung, Unebenheiten. Bei sattdeckender Glasur ausschließliche Wirkung der Glasurfarbe.
  • Licht/Schatten/Lichtbrechung.
  • Feuchte als Regen, Tau, Rauhreif.
  • Stäube oder z. B. auch Pollen im Frühjahr.

Beim alteingedeckten Dachziegel:

  • Patina aus Hausbrand und anderen Umwelteinflüssen.
  • Veralgung und andere Grünbildungen.
  • Partielle Aufhellungen und Fließspuren durch Metalle auf dem Dach,
    z. B. Anker, Abdeckungen, An- und Abschlüsse, Antennen aber auch durch Mörtel und Vogelkot etc.
  • Über größere Zeiträume eintretende geringfügige Verstumpfung - Nachlassen der Glanz- und Schimmereffekte.
  • Wie bei historischen Gläsern tritt auch bei glasierten Dachziegeln eine eosierende/irisierende Oberflächenwirkung auf, d. h. in der Regenbogenskala changierende Farbreflexe in Abhängigkeit zur Lichteinstrahlung.
  • Bei Krakelee-Rissbildung: Verdunkelung des Scherbens in den Rissbereichen.
 
 
Gedämpfte Dachziegel

Gedämpfte Dachziegel stellt man durch Reduktion der Sauerstoffanteile des Eisenoxids her. Nach beendetem Garbrand wird z. B. Öl in die Brennkammer gegeben, das seiner Umgebung durch Verbrennen den Sauerstoff entzieht. Da gleichzeitig der Brennofen gegen Frischluftzufuhr abgedichtet ist, wird das im Ton befindliche Eisenoxid zu Eisenoxidul reduziert. Man erreicht so eine, dem Dachschiefer ähnliche, graublaue Färbung des gesamten Scherbens. Für die „gedämpften Dachziegel“ gelten die gleichen Aussagen im Hinblick auf zusätzliche Einflussfaktoren auf die Farbwirkung analog zum „naturroten Dachziegel“. Bei älteren Dächern stellt sich eine Verstumpfung der Oberfläche ein, einhergehend mit einer leichten Gesamtaufhellung. In etwa wird der Patinierungseffekt des bergischen Naturschiefers erreicht, der im Alter auch eine silbrig-stumpfe Oberfläche erlangt.



 
 
Zeitgeist und technische Entwicklung


Befragungen unter Planern und Anwendern ergeben einen Nachfrageanteil von ca. 30 Prozent an farbchangierenden Dachziegeln. Insbesondere die in der Sanierung und Denkmalpflege Tätigen suchen „buntes“ Dachziegelmaterial.

Der Trend geht aber unaufhaltsam zum monochromen Ziegeldach. Die Gefahr, den Dachziegel dann kaum noch von Substituten unterscheiden zu können, wird hierbei weitgehend außer Acht gelassen. Gleichzeitig erschwert die kranunterstützte Heranführung an den unmittelbaren Einsatzort auf dem Dach die Entnahme aus mehreren Gebinden.

 
 
Abhilfen

  1. Es sollte wieder üblich werden, dass der Bearbeiter das Dach in der Bearbeitungsphase aus dem sogenannten „gebrauchsüblichen Betrachtungsabstand“ ganzheitlich betrachtet und ggf. Korrekturen vornimmt.
  2. Eine Durchmischung sollte im Leistungsverzeichnis/Angebot und bei der Preisbildung berücksichtigt werden (sinngemäß auch im Standardleistungsbuch).
  3. Die Industrie muss sich bemühen, Flächenziegel und entsprechend proportional Formziegel zeitnah herzustellen.
  4. Der Handel sollte in seiner Lagerhaltung chargenweise lagern und entsprechend ausliefern. Der Dachdecker sollte sich bei Lieferung davon überzeugen, dass er nicht unterschiedliche Chargen zugeteilt bekommt.
  5. Dem Endverbraucher darf nicht weiter vorgegaukelt werden, dass Farbgleichheit in der Herstellung machbar sei.
  6. Ob Farberkennungsmaschinen oder Sortiervorrichtungen die ultima ratio darstellen, kann von hier aus fachlich nicht weiter eingeschätzt werden. Es wäre aber zu bedauern, wenn der Dachziegel das gleiche Schicksal anderer Baustoffe erführe und gänzlich so aussehe, als entstamme er der Retorte.
 
 
Fazit:


Farbgleiche Dachziegel sind in absehbarer Zeit nur bedingt herstellbar. Es handelt sich um ein Naturprodukt, das als eine der keramischen Grundeigenschaften über changierende Farben verfügt. Farbgleichheit absolut zu fordern, zeugt von Unkenntnis dieser Materialeigenschaft. Dennoch gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, das Farbspiel von Dachziegeln zu nutzen, ohne dass farbgleiche Abschnitte in einer Dachfläche zum ästhetischen Problem werden.